Als er am nächsten Morgen erwachte, musste er feststellen, dass der gestrige Tagesritt nicht ohne Wirkung geblieben war. Mühsam und stöhnend stand er auf und hinkte gähnend ans Fenster. Vor ihm lag ein großer Garten mit vertrockneten Wiesen und mächtigen, alten Pinien, deren urwüchsige Erscheinung in der Stille des Morgengrauens fast gespenstisch wirkte. Linker Hand wurde der Garten von einer hohen Mauer begrenzt und hinter den Bäumen konnte er hier und dort die Säulen einer langen Halle erkennen. Vögel zwitscherten in den Zweigen und Krates meinte, auch noch etwas anderes zu hören. Erst dachte er, er habe sich geirrt, doch dann hörte er das Plätschern wieder. Es klang fast wie ein Laufbrunnen, aber er konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass es in der Akademie, die ja nun mitten in der Stadt lag, fließendes Wasser geben sollte.
Er lehnte sich aus dem Fenster und erkannte zu seinem großen Erstaunen mindestens drei Laufbrunnen, die sich an den Wänden der den Garten umgebenden Gebäude befanden. Gähnend streckte er sich und humpelte zu seinem Bett zurück.
Eigentlich war er zu müde, um jetzt schon den Tag zu beginnen, andererseits aber auch viel zu aufgeregt, um noch länger zu schlafen. Also riss er sich zusammen, suchte in seinen Säcken nach ein paar frischen Kleidern und begab sich in den Garten. Verwundert über die angenehme Ruhe dieses Ortes sah er sich um und erkannte hinter den hohen Mauern die Dächer der angrenzenden Häuser. Hier und dort kräuselten sich Rauchfahnen in den Morgenhimmel, doch nichts deutete darauf hin, dass er sich mitten in der Großstadt befand. Auch das Museion selbst schien verlassen, denn weder aus den Fenstern der Unterkünfte noch aus dem gegenüberliegenden Hauptgebäude drangen irgendwelche Geräusche.
Krates ging zu einer der Pinien und prüfte, ob ihn auch wirklich niemand sah. Dann schwang er sich vorsichtig auf den untersten Ast und kletterte tastend bis in die Baumkrone. Oben angekommen blickte er über die mächtigen Gartenmauern direkt in die belebten Straßen von Tarsos und hörte auch endlich jene Geräuschkulisse, die er schon unten erwartet hatte: das Klopfen und Hämmern der Handwerker, Rufe und Flüche, das Rattern der Wagen, die über die gepflasterten Straßen fuhren, und das Gebrüll der Tiere, die auf irgendeinem nahe gelegenen Markt verkauft wurden. Benommen von der Ausdehnung der Stadt versuchte er das Theater zu finden, als er plötzlich ein leises Räuspern vernahm. Erst verwundert, dann peinlich berührt blickte er nach unten und sah dort einen Mann stehen, der ihn kopfschüttelnd musterte.
»Guten Morgen«, begrüßte ihn Krates, während er sich vorsichtig wieder an den Abstieg machte und dabei versuchte, unbefangen zu wirken und seinen peinlichen Auftritt herunterzuspielen.
»Guten Morgen«, brummte der Mann. »Was hast du denn da oben gemacht?«
»Manchmal muss man die Dinge aus einer anderen Perspektive betrachten, um wieder klar sehen zu können.«
»Und? Zu welcher Erkenntnis bist du gelangt?«
»Dass ich mich mitten in Tarsos befinde«, lächelte Krates, während er sich den Staub von den Kleidern klopfte.
Sein Gegenüber bedachte ihn mit argwöhnischen Blicken und wandte sich ab. Krates stand wieder allein im Garten und biss sich nervös auf die Lippen. Einen besseren ersten Eindruck kann man ja wohl kaum hinterlassen, dachte er verlegen. Und er wusste noch nicht einmal, wer der Mann gewesen war. Für einen Mitschüler war er zu alt. Wäre er dagegen ein Lehrer der Akademie, so hätte er sich gewiss vorgestellt und ihn zurechtgewiesen. Vielleicht war es der Gärtner? Er zuckte seufzend mit den Schultern und ging in sein Zimmer zurück.
Kallisthenes hatte am Vorabend angedeutet, dass die Räume der Akademie eigentlich für die Älteren reserviert seien. Vielleicht würde er also noch heute in eine kleine Herberge umziehen müssen. Doch dafür brauchte er mehr Geld als er bei sich trug, was zweifellos darauf hinauslief, dass er eines seiner Pferde verkaufen musste.
Krates ging in den Stall und begrüßte seine beiden Rappen. Die Wahl fiel ihm nicht schwer, denn mit Pluto hatte er sich während des langen Ritts am Vortag so weit angefreundet, dass er ihn gerne behalten wollte. Also band er Minos los und führte ihn über den Weg, den er gestern Abend gekommen war, zur Hauptstraße.
Die Gassen von Tarsos waren unwahrscheinlich voll und hektisch, so dass er einige Mühe hatte sein Pferd ruhig am Zügel zu halten. An der nächsten Straßenecke erkundigte er sich bei einem jungen Mann nach dem Weg und erhielt die Gegenfrage, zu welchem Markt er denn wolle. Krates erklärte sein Anliegen, sein Pferd zu verkaufen, und wurde zum alten Markt geschickt, der ganz in der Nähe des Museions im Peribolos lag. Er folgte der Wegbeschreibung in die kleinen Seitengässchen, die ihn auf verschlungenen Pfaden und altem Kopfsteinpflaster zu den Regierungsgebäuden führten.
Nach kurzer Suche hatte er den Zugang zum Marktplatz gefunden und atmete einmal tief durch. Dann nahm er Minos am Zügel und schritt beherzt durch das Säulentor. Das bunte Treiben
dieses Ortes unterschied sich in nichts von dem Handel in Mallos, nur dass eben alles sehr viel größer und lauter war. Spätestens jetzt wurde ihm klar, dass er eigentlich überhaupt keine Ahnung hatte, wie man ein Pferd verkauft. Er wandte sich an einen der Marktbeamten, zahlte die handelsübliche Standgebühr und ließ sich einen Platz neben den anderen Pferdehändlern zuweisen. Krates beobachtete die laut feilschenden Verkäufer, die ihn misstrauisch beäugten und sich über ihn lustig machten. Doch so sehr er sein Pferd auch drehte und wendete, irgendwie wollten sich die Käufer nicht einfinden. Er hatte die Hoffnung schon fast aufgegeben, als sich ein gut gekleideter Mann durch die Menge schob und ihn prüfend musterte.
»Was verlangst du für das Pferd?«
»Zweitausend Drachmen.«
Der Mann spie auf den Boden. »Habt ihr das gehört? Zweitausend Drachmen für diesen schäbigen Ackergaul … Aber sonst geht’s dir gut, was Junge? Die alte Mähre ist doch nur knapp am Schlachter vorbeigekommen. Tausend würde ich dir geben, aber das ist schon mehr als großzügig.«
Krates schüttelte wütend den Kopf. Der Mann hatte ihn eingeschüchtert, doch für tausend Drachmen würde er das Pferd nicht hergeben. Sein Vater hatte ihm eingeschärft, dass es zweitausend sein müssten und keine Obole weniger.
Der Mann ließ nicht locker. »Na schön«, grinste er, »ich gebe dir eintausenddreihundert Drachmen, aber das ist mein letztes Wort.«
»Eintausendsiebenhundert«, entfuhr es Krates, dem das Feilschen einerseits Spaß machte, den aber auch das unangenehme Gefühl beschlich, dieser Mann könne vielleicht der Letzte sein, der sich heute noch für sein Pferd interessiert. Und er brauchte das Geld doch so dringend.
Der Käufer blickte ihn finster an und ging zu Minos, um misstrauisch das Gebiss und die Hufe des Pferdes zu prüfen. »Einverstanden«, knurrte er schließlich. »Ich biete dir tausendfünfhundert Drachmen. Und wenn du nur einen Funken Verstand im Leibe hast, solltest du dieses Angebot annehmen.«
»Eintausendfünfhundert«, erwiderte Krates und schlug ein.
Der Mann zog zwei prall gefüllte Lederbeutel und zählte vor seinen Augen dreihundert Goldstücke ab. Schließlich warf er einen der beiden Beutel dazu und band Minos von der Säule. Krates war noch damit beschäftigt, die Goldstücke einzusammeln, als der Mann in ein hässliches Gelächter ausbrach. »Du lagst mit deinen zweitausend Drachmen gar nicht so schlecht, Junge. Wir hätten dir das Pferd nicht für unter zweitausendzweihundert verkauft.« Der Mann lachte, bis er sich verschluckte, und kehrte triumphierend zu seinem eigenen Stand zurück.
Es dauerte eine Weile, bis Krates verstand, dass er sein Pferd an einen der benachbarten Pferdehändler verkauft hatte, und stand wie vom Donner gerührt. Er warf den feixenden Männern einen zornigen Blick zu und wandte sich zum Gehen. Den prall gefüllten Geldbeutel fest umklammernd, verließ er den Markt und schritt in die kleinen Gassen, durch die er vorhin gekommen war. Doch schon nach wenigen hundert Schritten blieb er stehen, weil die Gegend auf einmal anders aussah, als er es in Erinnerung hatte. Er blickte sich um und sah den jungen Mann wieder, der ihm den Weg beschrieben hatte, und der nun von vier finster dreinblickenden Burschen begleitet wurde. Einen kurzen Moment schien der Mann zu zögern, doch dann gab es keinen Zweifel mehr.
Krates packte seinen Geldbeutel fester und lief so schnell, wie ihn seine Füße tragen konnten. An einer einsamen Straßenkreuzung drehte er sich keuchend um und sah, dass ihn die anderen noch immer verfolgten. Er schürzte seinen Mantel, um unterwegs nicht zu stolpern, und rannte weiter. In der Ferne hörte er die hektischen Geräusche der Hauptstraße und lief, ohne nach rechts oder links zu blicken, direkt auf sie zu. Schnell tauchte er im Gewirr der Menschen unter, versuchte krampfhaft sich unsichtbar zu machen und ließ sich treiben. Als er an der kleinen Gasse vorbeikam, die zum Museion führte, zwängte er sich durch die Passanten und Ochsenkarren und rannte zu dem Platz mit den Säulenhallen. Wie es schien, hatte er seine Verfolger abschütteln können, doch Krates war auch so entkräftet, dass er sich an eine Häuserwand lehnen und erbrechen musste. Deprimiert und noch immer außer Atem betrat er das Museion und ging geradewegs in sein Zimmer, wo er sich aufs Bett warf und vor Wut und Verzweiflung weinte.
Als er wieder aufwachte, fiel schon die Nachmittagssonne in sein Fenster und tauchte die gegenüberliegende Wand in leuchtende Goldtöne. Aus dem Garten klang ihm das gleichmäßige Zirpen der Grillen entgegen und alles um ihn herum schien so friedlich, dass er Mühe hatte, seine Erlebnisse vom Vormittag damit in Einklang zu bringen.
Eintausendfünfhundert Drachmen hatte er für Minos bekommen, und das war natürlich viel zu wenig. Wütend schlug er sich aufs Knie und ärgerte sich über seine Ungeduld. Da er nicht wusste, wie sicher das Geld innerhalb seines Zimmers war, beschloss er es einfach mitzunehmen und Kallisthenes um Rat zu fragen.
»Guten Abend«, begrüßte ihn der Vorsteher lächelnd.
»Guten Abend, Meister. Ich wollte mich bei Euch erkundigen, ob ich heute noch meine Sachen packen und in eine andere Bleibe ziehen muss.«
»Dafür wäre es jetzt ein bisschen spät. Denn mit Einbruch der Dunkelheit solltest du nicht mehr allein durch die Gassen wandern. Zumindest nicht, solange du dich hier noch nicht auskennst.«
»Ich weiß«, erwiderte Krates und erzählte ihm von seinem Pferdehandel und den Tagedieben, die ihn von der Agora bis zur Hauptstraße verfolgt hatten.
Kallisthenes nickte nachdenklich vor sich hin und strich sich dabei durch seinen grauen Bart. »Das Beste wird sein, wenn du dich an die Apollonpriester wendest. Sie können dein Geld sicher verwahren und zahlen dir obendrein auch noch Zinsen.«
»Und wo soll ich die nächste Nacht verbringen?« versuchte ihn Krates an seine Anfangsfrage zu erinnern.
»Ach ja«, antwortete Kallisthenes zerstreut, »das wollte ich dir eben schon erzählen. Meine Kollegen und ich sind zu dem Schluss gekommen, dass du gerne hier bleiben kannst. Das Zimmer kostet pro Semester einhundert Drachmen. Und wenn du auch an den Mahlzeiten teilnehmen möchtest, kostet es dich dreihundert.«
Krates merkte, wie sein Herz vor Freude schneller schlug. »Und was kostet mich das Semester selbst?«
»Nun, das hängt natürlich stark davon ab, was du bei uns lernen möchtest und bei wem. Aber du solltest im Schnitt von vierhundert Drachmen ausgehen.«
Krates nickte glücklich. Er durfte bleiben. Er würde sein eigenes Zimmer innerhalb des Museions haben, neben anderen Studenten und ganz in der Nähe der Bibliothek.
»Also, was ist?« hakte Kallisthenes nach. »Möchtest du das Zimmer behalten?«
»Nichts lieber als das«, antwortete ihm Krates und entschied sich für die Variante mit den Mahlzeiten. Er holte aus seinem Geldbeutel sechzig Goldstücke und legte sie vor sich auf den Tisch. Kallisthenes verstaute die Münzen in einer kleinen Schatulle und schloss sie in einem schwer gesicherten Holzschrank ein. Dann fragte er Krates, ob er Hunger habe und führte ihn in einen der Speiseräume des Hauptgebäudes.
»Ich wusste gar nicht, dass hier auch gekocht wird.«
»Aber natürlich«, erwiderte Kallisthenes. »Und unsere Köche sind nicht die Schlechtesten.«
Ein alter Mann trat ein und nickte ihnen zur Begrüßung zu. Auf einem Tablett hatte er einen großen Laib Brot sowie einen Krug mit Wasser und zwei Becher, die er auf den kleinen Steintisch in der Mitte des Raumes stellte. Krates schenkte sich und Kallisthenes ein und wunderte sich, wie bequem es war, während des Essens auf einer Bank zu liegen, anstatt wie zu Hause an einem Tisch zu sitzen. Die Lebensart, bei den Mahlzeiten um einen mittigen Tisch zu liegen, stammte, das wusste er von Myrons Erzählungen, aus Persien. Doch in der griechischen Welt wurde sie nur an den Königshöfen oder von reichen Aristokraten praktiziert, zu denen sein Vater offensichtlich nicht gehörte.
Das Abendessen verlief sehr zwanglos und Krates erfuhr vieles über den Ablauf des Semesters und über die Geschichte des Museions. Als sie fertig gegessen hatten, bestellte Kallisthenes eine kleine Amphore Wein und ließ seinen Gast von Mallos berichten. Dabei erwies er sich als aufmerksamer Zuhörer, der interessierte Fragen stellte und das Gespräch so gut zu lenken vermochte, dass Krates beschloss von ihm zu lernen.
Als er am nächsten Morgen erwachte, stellte er fest, dass der Herbst begonnen hatte. Kalt war es geworden und über den Himmel jagten dicke Regenwolken. Irgendwo schlug ein Fensterladen, der nicht richtig eingehakt war und immer wieder verfing sich der Wind mit wütenden Böen in den Wipfeln der Pinien. Frierend stand Krates auf und begab sich zum Laufbrunnen vor seinem Haus. Während der Morgenwäsche verspürte er seinen Frühstückshunger und sehnte sich schon jetzt nach Melas Pfannkuchen.
Es hatte mittlerweile zu regnen begonnen und ihm fiel spontan ein Gedicht des Archilochos ein, in dem es um die Scheußlichkeit der nasskalten Herbststürme ging. Krates rannte durch den Garten, um schnell in den Schutz der gegenüberliegenden Säulenhalle zu gelangen. Er wollte sich gerade zu Kallisthenes’ Raum begeben, als sich eine der Türen öffnete und jener Mann heraustrat, der Krates am Vortag auf dem Baum entdeckt hatte.
»Guten Morgen«, begrüßte ihn Krates. »Was für ein Wetter!«
»Morgen, mein Junge. Na, heute nicht auf dem Baum?«
Krates lachte. »Die Äste sind bei der Witterung zu rutschig. Wisst Ihr, ob es in diesem Hause ein Frühstück gibt?«
»Gibt es, gibt es«, erwiderte der Ältere. »Wenn du willst, können wir zusammen gehen, denn auch ich könnte noch einen Bissen vertragen.«
»Ich heiße übrigens Krates«, stellte er sich vor und reichte dem Mann die Hand.
»Ich weiß«, sagte der andere ruhig und erwiderte die Begrüßung mit einem kräftigen Händedruck. »Kallisthenes hat es gestern erwähnt. Mein Name ist Dionysios Thrax und ich bin aus Alexandria gekommen, um hier zu unterrichten.«
Krates schluckte heftig und hätte sich am liebsten in Luft aufgelöst. Der Koch wies sie an, sich in den Speiseraum zu legen und brachte ihnen einen heißen Brei aus Linsen und Bohnen, dazu Brot und Oliven sowie einen Krug Wasser.
»Du kommst aus Mallos, wie ich hörte.«
»Das ist richtig«, antwortete Krates verlegen.
»Ich kannte mal einen Timokrates, der auch aus Mallos kam. Ist ziemlich lange her und vermutlich gibt es in Mallos unzählige Männer dieses Namens. Aber vielleicht kennst du ihn ja trotzdem. Er arbeitete damals im Stadtrat.«
Krates schluckte abermals und nahm all seinen Mut zusammen. »Jener Timokrates, von dem du da erzählst, ist mein Vater. Er und mein Lehrer Myron haben mich hergeschickt und sie lassen dich herzlich grüßen.«
Dionysios war überrascht. »Du bist ein Schüler des Myron?«
Krates nickte beschämt, was sein Gegenüber in schallendes Gelächter ausbrechen ließ.
»Bei Isis!« prustete Dionysios. »Das hätte ich mir eigentlich gleich denken können, denn dein Vater ist genauso unkonventionell. Aber die Sache mit dem Baum muss dir nicht peinlich sein. Unkonventionelle Einfälle sind oftmals die besten, die man haben kann. Und ein klarer Blick, wie du es nanntest, kann für unsere Sache nur von Nutzen sein.«
»Danke«, murmelte Krates, der sich langsam wohler fühlte.
»Nun erzähl aber«, forderte ihn Dionysios auf, »wie geht es Myron und deinem Vater? Es ist schon so lange her, dass wir uns in Alexandria getroffen haben.«
Krates erzählte ihm von den Lehrjahren bei Myron und seinem Zuhause in Mallos, von der Angst vor den Piraten und seiner Reise nach Tarsos. Dionysios hörte ihm wohlwollend zu und stellte ebenso wie gestern schon Kallisthenes gezielte Fragen, mit denen er das Gespräch führte, ohne Krates das Gefühl zu geben, ausgehorcht zu werden.
Nach dem Frühstück führte ihn Dionysios in einen der Seminarräume hinter der Säulenhalle, in dessen Mitte ein wärmendes Feuer prasselte. Nachdem sie sich ein paar Decken und Kissen genommen und es sich bequem gemacht hatten, erzählte er von Alexandria und der großen Bibliothek der Ptolemäer, von seinem Studium und der anschließenden Lehrtätigkeit am Museion. Während draußen der Wind über die Dächer fegte und Krates das Feuer in Gang hielt, berichtete Dionysios schließlich auch von der Zeit, die er mit Myron und Timokrates in Alexandria verbracht hatte.
Gegen Abend baten sie den Koch das Essen in den warmen Seminarraum zu bringen und so verbrachten sie weitere Stunden mit Gesprächen über Mallos und Tarsos, über Alexandria und die Konkurrenzstadt Pergamon. Bei dem letzten Thema, über das sich Dionysios mit unerwarteter Schärfe äußerte, horchte Krates wiederholt auf. Er hatte Myron eines Tages von dieser Stadt erzählen hören, doch er wusste weder, wo Pergamon lag, noch was diesen Ort so erwähnenswert machte. Dionysios bot ihm eine kurze Zusammenfassung über die Lage und die Geschichte von Pergamon, über die von den pergamenischen Königen betriebene Kulturpolitik und die daraus resultierende Konkurrenz zum Museion von Alexandria.
»Emporkömmlinge«, schloss er verächtlich. »Sie glauben ernsthaft, sie könnten sich mit der hohen Schule Alexandrias messen. Dabei haben sie nicht einmal ein Drittel unserer Kapazitäten. Und ihre Gelehrten sind doch auch eher von zweifelhaftem Ruf. Was für eine anmaßende Vorstellung!«
Für Dionysios schien das Thema damit erledigt, doch Krates war neugierig geworden. Denn eine Bibliothek, die ernsthaft erwog, sich mit der von Alexandria zu messen, konnte nicht ganz so unbedeutend sein wie es Dionysios darstellte. Er nahm sich vor, seine Mitschüler zu diesem Thema zu befragen, denn er wollte mehr über diese Stadt erfahren, über die sogenannte Kulturpolitik ihrer Könige und ihre mit wie viel Weisheit auch immer gesegneten Gelehrten.
Die folgenden Tage blieben herbstlich kühl. Der stürmische Wind hatte zwar etwas nachgelassen, doch dafür hatte es sich eingeregnet. Krates nutzte die Zeit, um sich auf dem Markt Papyrus und Tinte zu besorgen sowie ein paar Öllampen und einen dicken Wollteppich, den er auf den kalten Boden zwischen seinem Bett und dem Tisch legte. Er hatte sich soweit eingerichtet, dass er sich in seinem Zimmer wohlfühlte, und nutzte die Vormittage, um mit seinem Rappen Pluto die Stadt zu erkunden.
Bei einem seiner Ausritte sprach er auch bei den Priestern des Apollonheiligtums vor und händigte ihnen gegen einen entsprechenden Pfandbrief siebenhundert Drachmen aus. Vierhundert Silberstücke wollte er für sein erstes Semester bereithalten. Die restlichen hundert Drachmen deponierte er in seinem Zimmer.
Während der kommenden Tage kehrten immer mehr Studenten in ihre bislang verschlossenen Zimmer zurück, teils aus Tarsos selbst, teils aus anderen Städten von nah und fern. Mit seinem Zimmernachbarn Agathon verstand er sich auf Anhieb. Er kam ursprünglich aus der kilikischen Hafenstadt Soloi, war zwei Jahre älter als Krates und studierte hier in seinem dritten Semester Philosophie.
Etwas schwieriger gestaltete sich der Kontakt zu Philopatros, einem stolzen und leicht arrogant wirkenden Mann aus Pergamon, dessen Vater Arzt am dortigen Sanatorium war. Philopatros zählte zu den rangältesten Studenten des Museions und stand offenbar kurz vor seinem Abschluss. Krates nahm sich vor, dem Mann mit Respekt zu begegnen und geduldig auf die Gelegenheit zu warten, ihn in aller Ruhe zu seiner Heimatstadt befragen zu können.
Gegen Ende der Woche klarte das Herbstwetter wieder auf. Der Himmel zeigte sich wolkenlos und im windgeschützten Garten wurde es sogar richtig warm. Krates stellte seinen Studienplan für das kommende Semester zusammen und entschied sich für vier Seminare bei Dionysios, ein Rhetorikseminar bei Kallisthenes, einen Geometriekurs bei Aristides und eine Lehrveranstaltung des Kallias über Geographie.
Angeregt von den Gesprächen mit seinen mittlerweile vollzähligen Zimmernachbarn und zufrieden darüber, die für den Semesterbeginn erforderlichen Entscheidungen getroffen zu haben, setzte er sich noch am gleichen Abend an seinen Zimmertisch und schrieb zwei lange Briefe, einen an Myron, den anderen an seine Familie in Mallos. Am nächsten Tag begab er sich mit den Briefen auf den unteren Markt. Beeindruckt von der Vielfalt der Tuche bewunderte Krates den Stand des Gordianos und wurde sich schnell mit ihm einig. Der Händler nahm die Briefe an sich und versprach sie in einer Woche den Marktbeamten in Mallos zu übergeben. Briefe aus Mallos dagegen würde er auf der hiesigen Agora abgeben, sofern er auch dort für den Dienst drei Drachmen erhalte. Sie verabschiedeten sich per Handschlag und Krates wünschte ihm eine gute Reise.