Am nächsten Morgen erwachte Krates mit hämmernden Kopfschmerzen. Unausgeschlafen und verkatert kroch er aus dem Bett und begab sich zum Brunnen. Der Himmel über dem Hof war immer noch wolkenlos und die frühe Morgenluft kühl und erfrischend. Er schöpfte reichlich Wasser aus dem Brunnen, trank ein paar wohltuende Schlucke und wusch sich das Gesicht.
Während des Frühstücks horchte er auf, weil er ein fürchterliches Brüllen vernahm, das vom Apollonheiligtum über die Dächer von Mallos hallte. Krates erinnerte sich an seine Kindertage, als ihm dieses Brüllen noch wilde Ängste beschert hatte. Es waren die panischen Todesschreie der Stiere, die wie jedes Jahr am letzten Tag der Apollinarien vor dem Altar des Tempels geschlachtet und anschließend verbrannt wurden. Timokrates trat in die Küche und nickte ihm zur Begrüßung düster zu.
»Was für eine Verschwendung!« kommentierte er den beißenden Rauch, der sich zunehmend in den Dächern der Weststadt verfing und auch den Hof seines eigenen Hauses verpestete. »Diese Stiere könnten hundert Äcker pflügen. Ich möchte nur hoffen, dass sich Apollon dessen bewusst ist.«
»Bei allen Göttern«, rief Mela aufgebracht. »Was Ihr da sagt, Herr, ist lästerlich.«
»So, ist es das?« fragte Timokrates gereizt. »Weißt du, wie viele Bauern für diesen Unsinn ihre Stiere abliefern müssen? Und weißt du auch, wie die Priester mit denen verfahren, die sich den Opferzehnt nicht leisten können?«
Mela schüttelte mürrisch den Kopf. Die Hekatomben, das Opfer der hundert Stiere für Apollon, waren eine uralte Tradition ihres Glaubens, und daran durfte selbst Timokrates nicht rütteln. Während sie sich ungehalten wieder ihren Töpfen widmete, deutete Krates auf das Gepäck am Hofrand und fragte, wie er denn all die Leinensäcke und Holzkisten mit nach Tarsos nehmen solle.
Timokrates nickte. »Ich werde dir zwei Pferde mitgeben, die gleichzeitig dein Startkapital sind. Sie tragen dich und dein Gepäck nach Tarsos, wo du sie anschließend auf dem Markt verkaufen kannst. Aber lass dich nicht übers Ohr hauen, Junge! Die Pferdehändler von Tarsos sind berüchtigt für ihre Verschlagenheit und jedes deiner Pferde ist mindestens zweitausend Drachmen wert.«
»Zweitausend Drachmen?« fragte Krates erschrocken.
»Eher noch Zweitausendzweihundert oder ein bisschen mehr. Ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass du mehr als zweitausend bekommen wirst, aber weniger sollten es auf keinen Fall sein.«
»Ach Brüderchen«, seufzte Orthygia und nahm Krates unvermittelt in die Arme. »Wie entsetzlich leer wird es hier ohne dich sein.«
»Gibt es irgendeine Möglichkeit euch zu schreiben?«
Timokrates musterte nachdenklich die Säcke am Hofrand. »Na ja, es gibt da einen Stoffhändler aus Tarsos, der hier regelmäßig auf dem Markt erscheint. Sein Name ist Gordianos und er kommt irgendwo aus den Hochebenen Galatiens. Komischer Kauz. Er kauft die Tuche aus dem Handel, der über den Tauros läuft und verkauft sie hier für das Doppelte. Ich würde ihm niemals mein Geld anvertrauen, aber einen Brief, nun gut, man könnte es probieren. Kannst du dir den Namen merken?«
»Gordianos?«
»Ganz recht. Wenn du in Tarsos bist, kannst du ja mal nach ihm fragen. Soweit ich weiß, haben die Tarsianer zwei Marktplätze, aber auf einem der beiden wird man ihn kennen. Wie ich den Mann einschätze, wird er versuchen, dir für diesen Botendienst Geld abzuverlangen. Das ist auch in Ordnung, aber gibt ihm nicht mehr als drei Drachmen.«
Der Nachmittag zog sich unendlich in die Länge. Krates traf gerade seine letzten Reisevorbereitungen, als er eine Gruppe von Männern sah, die Tische und Bänke in den Hof schleppten und dort zu einer kleinen Tafel zusammenstellten. Aus der Küche wehten ihm die köstlichsten Bratendüfte entgegen und neben dem alten Kirschbaum am Hofeingang entdeckte er zwei große Weinamphoren. Fragend schaute er seinen Vater an, der soeben nach Hause kam.
»Du glaubst doch wohl nicht, dass wir dich einfach so ziehen lassen, was Junge? Heute Abend wird noch mal kräftig gefeiert. Nur schade, dass Myron nicht dabei sein kann.«
Als es allmählich dunkel wurde und Mela schon die Fackeln im Hof anzündete, trafen die ersten Gäste ein. Timarchos war gekommen, ein stattlicher Mann von gepflegter Erscheinung und der Gabe, abenteuerliche Geschichten zum Besten zu geben, bei denen manch einer sein Essen vergaß. Stephanos erschien mit seiner Frau Tychaia und ihrem gemeinsamen Sohn Zenodotos. Zu Krates’ Überraschung war auch Hippias anwesend sowie Aglaia, die beste Freundin seiner Schwester. Zenodotos löcherte Krates mit Fragen über Tarsos und die Philosophie, über das Gefühl zu verreisen und alles andere, was kleine Kinder fasziniert, wenn sie mit Älteren zusammen sind. Er versprach ihn auf dem Laufenden zu halten und ihm eines Tages, wann immer das sein mochte, ein bisschen über die Philosophie beizubringen.
Mela übertraf sich selbst und tischte einen Leckerbissen nach dem anderen auf: Suppen und Braten, Salate, geräucherten Fisch und Pasteten. Während des Abends unterhielt sich Krates lange mit Timarchos und fasste schnell Vertrauen in die Erfahrung dieses Mannes. Nach all den Schauermärchen, die Timarchos von den Karawanen erzählte, begriff er auch, warum sein Vater ausgerechnet ihn mit der Aufgabe betraut hatte, seinen Sohn sicher nach Tarsos zu bringen.
Als das Mahl beendet und das Geschirr vom Tisch abgeräumt war, erhob sich Orthygia von ihrem Stuhl und hielt eine kurze Ansprache über die guten Jahre ihrer Geschwisterschaft und den Abschiedsschmerz, der ihr nun bevorstand. Doch sie wünschte Krates viel Glück auf den Weg und endete mit der Übergabe eines riesigen Teuchos, das sie ihm über den Tisch reichte. Diese Schriften, sagte sie, handelten von einem Mann, der sehr viel weiter gereist sei als ihr kleiner Bruder, und wann immer ihm in Tarsos die Decke auf den Kopf zu fallen drohe, möge er sich dieser Geschichte erinnern und darüber hinaus auch an seine Lieben in der Heimat. Die Gäste waren gerührt und klatschten Beifall, während Krates den schweren Lederbeutel an sich nahm. Nachdem er ihn vorsichtig geöffnet hatte, starrte er seine Schwester fassungslos an.
»Das …«, stammelte er fassungslos, »das sind ja die Bücher der Odyssee von Homer.«
»Athena sei Dank!« rief Orthygia mit gespielter Erleichterung, »er kann lesen.«
Krates schüttelte ungläubig den Kopf. Das Teuchos enthielt vierundzwanzig Schriftrollen mit allen Büchern der Odyssee und musste ein Vermögen gekostet haben. »Danke«, war alles, was er zu sagen vermochte, während er auf seinen Sitzplatz zurückfiel und den Behälter ehrfürchtig an sein Herz drückte.
Hippias vermachte ihm zum Abschied einen Talisman. Es war ein alter Bronzering, den sie einst im Flussbett des Pyramos gefunden hatten und den Hippias fortan immer bei sich trug, weil er glaubte, er bringe ihm Glück. Krates war tief gerührt und versprach ihn immer bei sich zu tragen.
Timokrates schließlich schenkte ihm zwei herrliche Rappen aus Syrien, die einer von Timarchos‘ Männern in den Hof führte und an der Nordwand des Hauses festband.
Der Abend wurde spät und erst, als der Mond schon fast in der Mitte des Himmels stand, löste sich die Festversammlung langsam auf. Krates befand sich in einem tiefen Rausch aus Wein und guten Gesprächen. Benommen schaute er auf die leere Tafel und da fiel es ihm wieder ein. Er nahm Orthygia beim Arm und fragte sie nach dem Kleid für Mela.
»Beim Apollon!« rief sie leise. »Fast hätten wir das vergessen.«
Während Timokrates noch immer am Tischkopf saß und in zufriedenem Dämmerzustand dem Mond zuprostete, hatte Krates Mela in den Hof geführt und überreichte ihr das Kleid. »Ich habe es für dich gekauft«, flüsterte er. »Damit du mich auch in Zukunft noch in guter Erinnerung behältst.«
Mela blickte sprachlos auf den smaragdgrünen Stoff, befühlte das weiche Tuch und faltete es behutsam auseinander. »Wie schön«, stammelte sie, »es ist so wunderschön.« Tränen rannen ihr über das Gesicht und sie drückte das Kleid fest an ihre Brust.
Timokrates hatte sich schwerfällig erhoben und war mit Orthygia zu ihnen gekommen. Schweigend und mit anerkennenden Blicken musterten sie das Kleid an Melas Körper. Timokrates nickte langsam und verstand. »Das ist zweifellos das Geschenk für eine Mutter. Und ich denke, du warst ihm eine würdige Ersatzmutter.«
Es war wohl das erste Mal, dass Timokrates ihr sein Lob aussprach, denn Mela begann herzzerreißend zu schluchzen, sank auf den Boden und umklammerte das Kleid mit beiden Händen. Orthygia hockte sich neben sie, legte ihr den Arm um die Schulter und drückte sie fest an sich. Krates stand hilflos da, während sein Vater offenbar mit seinen Gefühlen kämpfte.
»Mela«, sagte Timokrates schließlich, »hörst du mir zu?«
Sie nickte zwischen zwei Schluchzern, sah aber nicht auf.
»Mela, was würdest du machen, wenn ich dich freispreche?«
Schlagartig verstummte ihr Weinen. Langsam erhob sie sich und blickte ihn mit großen ungläubigen Augen an. Sie wusste nicht, ob sie sich verhört hatte oder ob es sich lediglich um den Scherz eines Betrunkenen handelte.
»Das würdest du tun?« fragte sie mit bebender Stimme.
»Ja«, antwortete Timokrates ruhig. »Es tut mir zwar in der Seele weh, dich ziehen zu lassen. Aber so viel Treue möchte ich belohnen. Wenn es also dein Wunsch ist, werde ich dich freilassen.«
»Dann lass mich frei«, sagte sie ohne Umschweife. »Aber bitte schick mich nicht weg. Ich bin zu alt, um in meine Heimat zurückzukehren. Meine Familie existiert nicht mehr und ich werde dort kein Glück
finden, das auch nur annähernd dem entspräche, das ich in deiner Familie gefunden habe. Ich werde mich weiterhin um deinen Haushalt kümmern und alles wird sein wie immer. Aber wenn ich eines Tages sterbe, dann sterbe ich in Freiheit.«
Es kam Krates vor, als hätte er sich erst vor kurzem hingelegt, da pochte Mela schon an seine Tür. Der Himmel war noch pechschwarz und am Horizont flimmerten die letzten Sterne. Mela hatte ihm eine Öllampe an die Tür gestellt und so konnte er noch einmal sein weitgehend leeres und aufgeräumtes Zimmer betrachten, bevor er sich in den Hof begab. Am Treppenabsatz erwarteten ihn bereits Orthygia und Timokrates, die sich im Schein einer einsamen Fackel darüber stritten, ob sie ihren Bruder mit zum oberen Stadttor begleiten durfte oder nicht. Er wusch sich, zog sich an und begrüßte anschließend die beiden Pferde, die noch immer im Hof standen und von dem frischen Heu kosteten, das ihnen Mela gegeben haben musste.
Während des Frühstücks sagte kaum einer ein Wort und auch der Lampen-schein, der die frühmorgendliche Szene in ein trübes Licht warf, konnte die Abschiedsstimmung nicht sonderlich erhellen.
»Übrigens«, sagte Timokrates mit vollem Mund in die Runde, »nur, dass wir uns nicht falsch verstehen: Die gute Frau, die uns hier das Frühstück bereitet, wurde heute Nacht freigesprochen. Ich möchte, dass ihr sie mit entsprechendem Respekt behandelt.«
Mela wandte sich langsam um und aus ihrem Gesicht strahlte eine freudige Ruhe. Krates wusste, dass viele Familien ihre Sklaven irgendwann mit der Freiheit belohnten, und er freute sich mit ihr.
Nach dem Frühstück half er beim Satteln der Pferde. Sie verteilten das Gepäck auf die Tiere und sicherten es mit langen Seilen. Dann ging alles ziemlich schnell. Timokrates hatte seiner Tochter klarmachen können, dass er sie nicht in der Gesellschaft der fremden Karawanentreiber wissen wollte, und so warf sie sich Krates zum Abschied um den Hals. Nach einer langen Umarmung wandte der sich Mela zu, die ihm anerkennend durchs Haar fuhr. Aber sie weinte nicht, sondern forderte ihn nur auf, immer der Beste zu sein, der er sein konnte.
»Vergiss nicht zu schreiben«, rief ihm Orthygia nach.
»Bestimmt nicht!« erwiderte Krates und schaute ein letztes Mal auf das Haus seiner Kindheit zurück. Er war froh, dass ihn sein Vater begleitete, denn so war der Abschied von zu Hause nicht ganz so schmerzlich wie erwartet.
Die Stadt war noch menschenleer. Irgendwo in der Ferne bellte ein Hund, ansonsten hörten sie nur den Hufschlag der Pferde. Am oberen Stadttor angelangt, konnten sie den Handelszug bereits sehen und Krates verschlug es den Atem, denn noch nie hatte er eine so große Karawane gesehen. Es mochten zweihundert, vielleicht dreihundert Lastentiere sein, die vor den Stadtmauern standen und auf ihren Abmarsch warteten. Zwischen ihnen saßen unzählige Männer in warmen Mänteln, die sich leise unterhielten oder schweigsam an ihren Broten kauten. Timokrates nahm eine der Stadtwachen beiseite und fragte nach Timarchos. Der Soldat zeigte in eine Richtung und Krates folgte seinem Vater zu einer kleinen Gruppe von Männern, die wild gestikulierend um irgendetwas stritten.
»Guten Morgen!« unterbrach sie Timokrates.
»Morgen, mein Lieber«, entgegnete Timarchos gut gelaunt, der sich aus der Gruppe löste und ihn per Handschlag begrüßte. »Ist dein Sohn startklar?«
»Ich denke schon. Wo wirst du ihn unterbringen?«
Timarchos rief einen seiner Männer und gab ihm ein paar Anweisungen, während er auf Krates deutete. Der Mann nickte verständnisvoll und stellte sich vor.
»Ich bin Alexandros und begleite Timarchos schon seit vierzehn Jahren. Du heißt Krates, ist das richtig?«
»Ja«, antwortete er aufgeregt.
»Gut, dann lass uns gehen.«
Krates verabschiedete sich eilig von seinem Vater und bedankte sich für alles, was dieser für ihn getan hatte. Dann nahm er die Pferde an den Zügeln und trottete dem Karawanenführer nach, der ihn zur Mitte des Handelszuges brachte.
Als er zurückblickte, sah er gerade noch, wie sich sein Vater von Timarchos verabschiedete und in der Dunkelheit verschwand.
»Wir reiten nachher nebeneinander«, sagte Alexandros. »Dein Lasttier binden wir an einen langen Zügel, der an deinem Reitpferd befestigt ist. Du wirst sehen, es ist gar nicht so schwierig, aber es ist wichtig, dass dir deine Pferde vertrauen. Hast du sie schon lange?«
»Nein«, antwortete Krates und erzählte ihm, dass er sie erst gestern Abend bekommen hatte.
»Hmm«, brummte Alexandros zustimmend und betrachtete die beiden Rappen. »Schöne Tiere hast du da. Komm, sprich mit ihnen. Das ist wichtig. Sie müssen dir vertrauen, weißt du. Denn wenn wir erst am Marschieren sind, müssen sie dir immer folgen, egal wohin du auch gehst.«
Krates bemühte sich, mit seinen Pferden zu sprechen, streichelte ihnen über die Nüstern und klopfte ihnen anerkennend auf den Hals.
»Haben sie schon einen Namen?«
»Nein«, antwortete Krates überrascht, der noch gar nicht daran gedacht hatte, ihnen einen zu geben.
»Na, wie wollen wir sie denn nennen? Was meinst du?«
»Bellerophon und Sostratos?«
»Zu lang«, knurrte Alexandros.
»Dann Pluto und Minos?«
»Schon besser.«
»Der Braune hier mit dem Punkt auf der Stirn ist Pluto«, bestimmte Krates, »und das Lastpferd heißt Minos.«
»Wie du willst«, sagte Alexandros. Er nahm Pluto beim Zügel und führte ihn auf und ab, schnalzte mit der Zunge und gab ihm ab und zu einen aufmunternden Klaps auf die Flanke. Dann nahm er Minos und vollzog das gleiche mit ihm.
»Deine Pferde sind in Ordnung«, urteilte er schließlich. »Reiten kannst du ja wohl, nehme ich an.«
Krates nickte zustimmend.
»Gut, mein Junge. Dann ruh dich noch ein wenig aus. Du wirst ja merken, wenn es los geht. Aber sitz erst auf, wenn ich es dir sage.«
»In Ordnung.« Krates stellte sich vor Pluto, um ihm weiterhin gut zuzureden und sich langsam mit ihm anzufreunden.
Als sich die Sonne langsam über der Bucht von Magarsa erhob, gab Timarchos den Befehl zum Aufbruch. Gebannt schaute Krates nach vorne, wie sich der lange Tross in Bewegung setzte und dabei so viel Staub aufwirbelte als zöge ein Heer bewaffneter Reiter durch die Ebene.
Gegen Mittag erreichten sie den Saros-Fluss, dessen wilde Wasser sich aus dem Tauros in die Ebene ergossen und an einer zackigen Felsnase in die Bucht von Soloi mündeten. Timarchos ordnete eine Marschpause an und so wurden die Pferde und Esel an den Fluss geführt. Die Männer setzten sich mit ihren Proviantsäcken in den Schatten der flussnahen Pappeln und verspeisten hungrig ihr Mittagessen. Krates stellte seinem Begleiter eine Reihe interessierter Fragen zu den Handelskarawanen und Alexandros erzählte ihm bereitwillig und mit viel Humor von seinen Lehrjahren bis hin zu seiner Beförderung zum Karawanenführer des mittleren Zugs. Schließlich fragte ihn Krates nach dem Museion in Tarsos.
»Stimmt«, nickte Alexandros nachdenklich, »es gibt da eine Schule für Philosophen, die sogar ziemlich bekannt ist, wenn ich mich nicht irre. Aber wo genau die liegen soll, weiß ich nicht. Wenn auch das ja eigentlich nur im Peribolos sein kann.«
»Im Peribolos?«
»So nennt sich der zentrale Stadtteil unterhalb des alten Marktes. Tarsos ist schön. Bist du mal dort gewesen?«
»Bis jetzt noch nicht.«
»Dann wird es dir gefallen. Nun ja, Tarsos hat nicht das Meer vor der Tür und die Fischerei und all das, aber es ist so viel größer als Mallos, und du hast die Berge vor der Haustür. Ich selbst komme aus den Bergen, weißt du, daher ist mir diese Stadt sehr viel näher als beispielsweise Mallos. Und zwei Marktplätze haben sie dort, sieben große Tempel und ein riesiges Theater. Du musst natürlich aufpassen, mit wem du dich einlässt. Nicht alle dieser Bergbewohner sind so aufgeschlossen und ehrlich wie du. Aber du wirst deinen Spaß schon haben, da bin ich mir sicher.«
»Weißt du, wo ihr mit der Karawane übernachtet?«
»Nun, die Karawane ist zu groß, um in der Stadt unterzukommen. Daher werden wir in der Ebene vor dem Taurostor kampieren. Aber du hast Glück, denn der einzige Weg zu dieser Ebene führt durch die Stadt. Und wenn das der Hintergrund deiner Frage gewesen sein sollte, dann kann ich dir versichern, dass wir unterwegs auch am Peribolos vorbeikommen.«
Krates atmete auf, denn auf diese Weise konnte er ohne viel Aufhebens in die Stadt gelangen und sich noch unproblematischer vom Handelszug lösen.
Timarchos blies in sein Horn und die Karawanenführer riefen ihre Mannschaften zusammen. Die Pferde und Lastesel wurden wieder in Position gebracht und der langsame Marsch durch die Furt begann. Pluto und Minos folgten den übrigen Pferden und Krates war erleichtert, als er sah, wie schnell und unproblematisch sie den Fluss überquerten. Als schließlich alle Tiere das gegenüberliegende Ufer erreicht hatten, setzte sich der lange Zug wieder in Bewegung.
Die Landschaft, die sie nun durchquerten, wurde von einer Vielzahl kleiner Bäche und Flussniederungen durchzogen und Alexandros erzählte warnend von den vielen Mooren, die die Ebene streckenweise unpassierbar machten. Insgesamt war die Gegend viel grüner und bewachsener als in der Ebene vor Mallos. Pappeln und Eschen standen dicht an dicht, mannshohes Gestrüpp säumte den Wegesrand und die Berge im Hintergrund nahmen immer bedrohlichere Ausmaße an.
Schließlich, es musste schon spät am Nachmittag sein, erkannten sie am Horizont die hohen Mauern von Tarsos und schräg dahinter die beiden wuchtigen Berge, die in ihrer Mitte ein zerklüftetes Tal offenließen. Alexandros erzählte von der Sage des mächtigen Bergriesen, der hier einst den Zugang zur Bergwelt bewacht haben soll und nach der das Tal als Kilikische Pforte benannt worden sei. Der ehemals ausgetrocknete Trampelpfad, auf dem sie weite Strecken der Ebene passiert hatten, war mittlerweile einer gepflasterten Straße gewichen, die nun schnurgerade und von luxuriösen Grabbauten gesäumt auf Tarsos zuführte.
Kurz bevor sie das Stadttor erreichten, preschte Timarchos vom hinteren Ende des Handelszuges nach vorne, um mit den Zöllnern am Stadttor zu verhandeln.
Nach einer ganzen Weile, in der die Sonne schon hinter den Bergen ver-schwunden war, setzte sich der Tross wieder in Bewegung. Timarchos blieb mit seinem Pferd am Stadttor stehen, bis Alexandros und Krates an ihm vorbeizogen. Dann schwang er sich in den Sattel, unterhielt sich kurz mit seinem Karawanenführer und rief Krates ein Lebewohl zu.
»Timarchos hat mir den Weg beschrieben, wie du zu deinem Museion gelangst. Aber jetzt schau dir erst mal an, was du von Tarsos noch erblicken kannst.«
Sie gelangten durch das Stadttor auf die Hauptstraße, vorbei an mächtigen Tempeln und dem unteren Marktplatz, der allein doppelt so groß war wie der von Mallos. Krates nahm all diese Eindrücke in sich auf und fühlte sich angesichts der Dimensionen von Tarsos fast ein wenig verloren.
Schließlich riss ihn Alexandros aus seinem Staunen und zeigte auf eine unscheinbare Häuserecke. »Du musst da vorne ausscheren und der kleinen Straße folgen. Alles Weitere findest du schon selbst.«
Er klopfte ihm zum Abschied auf die Schulter und wünschte ihm alles Gute für seine Zukunft. Krates bedankte sich und gelangte im letzten Tageslicht auf einen kleinen, von Säulenhallen umgebenen Platz. Müde schwang er sich aus dem Sattel und band seine Pferde an einen Baum.
Zunächst dachte er, der Platz sei verlassen, doch dann sah er, dass sich in den Hallen hier und dort eine Tür öffnete, aus der jemand herauskam, um in einer anderen wieder zu verschwinden. Er zog sich die Kleider zurecht und ging zu einer der Türen. Nach einem kräftigen Klopfen wurde er hereingebeten und betrat einen Raum, in dem sich drei Männer um einen Tisch scharten, der mit Papyrusrollen übersät war.
Er stellte sich dem Ältesten als neuer Schüler vor, der bei Dionysios Thrax studieren wolle, und überreichte ihm das Empfehlungsschreiben mit Myrons Siegel. Als dieser das Schreiben gelesen hatte, hob er seine rechte Augenbraue und musterte Krates genauer.
»Du bist also Krates, der Sohn des Timokrates aus Mallos.«
»Das ist richtig.«
Der alte Mann kam auf ihn zu und reichte ihm die Hand. »Mein Name ist Kallisthenes und ich leite das Museion. Wie es scheint, bist du gerade angekommen. Gehören die zwei Pferde da draußen zu dir?«
»Ja, Herr«, antwortete Krates.
»Und weißt du schon, wo du unterkommen wirst?«
»Nein. Ich hatte gehofft, dass Ihr mir vielleicht eine günstige Herberge oder ähnliches empfehlen könntet.«
Kallisthenes wechselte einen düsteren Blick mit den anderen Männern. »Um die Herbergen von Tarsos solltest du lieber einen Riesenbogen machen. Denn da bist du deine Pferde schneller los, als du rennen kannst. Wir haben hier im Museion zwar ein paar Räume für unsere Studenten. Aber die sind für die Älteren reserviert und werden auch nicht kostenlos vergeben. Allerdings glaube ich, dass einer dieser Räume momentan frei ist. Du kannst dich also dort erst einmal einquartieren, bis wir für dich eine andere Lösung gefunden haben.«
Krates bedankte sich und folgte dem Vorsteher durch die Halle in einen großen Garten, um den sich eine Reihe kleinerer Gebäude spannte. Sie betraten eines der Häuser und Kallisthenes wies ihm einen stattlichen Raum zu. Das Zimmer schien schon seit längerem unbewohnt, doch es war alles da, was man zum Leben brauchte. In der Ecke stand ein bequemes Bett, am Fenster ein großer Tisch mit einem einfachen Stuhl und an der gegenüberliegenden Wand ein hoher Schrank.
»Heute Nacht kannst du hier bleiben«, sagte Kallisthenes.
Anschließend führte er ihn in den Stall und ließ ihn allein. Wie in Trance sorgte sich Krates um seine Pferde, nahm ihnen die Sattel ab und sorgte für ausreichend Heu und Wasser. Dann nahm er ihnen das Gepäck ab, trug seine Sachen in das ihm zugeteilte Zimmer und sank vollkommen erschöpft aufs Bett. Er dachte noch daran sich auszuziehen und den Inhalt seiner Reisesäcke zu verstauen, doch schon nach wenigen Augenblicken fiel er in einen tiefen Schlaf.