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Kapitel 16

Ihr letztes gemeinsames Frühstück, das allen eher wie eine Henkersmahlzeit vorkam, nahmen Krates und seine Gefährten in der sonnendurchfluteten Vorhalle seines Hauses ein. Leandros hatte frisches Brot gekauft, das noch warm war und lecker duftete und Hegesias hatte Eier gekocht. Doch irgendwie wollte an diesem Morgen keine Stimmung aufkommen. Krates ärgerte sich ein wenig über sich selbst, denn er hätte seine Kameraden lieber mit der guten Laune des Vorabends verabschiedet, doch ihm schien der gleiche Kloß im Halse zu stecken wie den anderen und so schwiegen sie sich während des gesamten Frühstücks nur an. Nachdem sie satt geworden waren und die Stille im Raum langsam unerträglich wurde, ging Krates in sein Zimmer und holte die drei Lederbeutel, die er am Vortag mit jeweils fünfzig Kistophoren gefüllt hatte.
»Nehmt es mir nicht übel, wenn ich euch nicht zur Karawanserei begleite. Ich kann lange Abschiede nun mal nicht leiden. Aber ich möchte euch ein Geschenk mitgeben, das euch den Weg nach Ankyra hoffentlich ein wenig einfacher oder zumindest doch angenehmer machen wird.«
Lächelnd machte er die Runde und legte jedem seiner Treiber einen Geldbeutel vor die Füße.
»Das ist wirklich nett von dir«, sagte Leandros verlegen, »aber das können wir nicht annehmen.«
»Natürlich könnt ihr das. Und ihr werdet es auch tun. Denn ihr wisst doch gar nicht, was euch auf eurem Weg von hier bis nach Ankyra erwartet. Ich könnte euch drei Dutzend von Eventualitäten aufzählen, in denen es vorteilhaft ist, wenn man über genügend Geld verfügt. Vielleicht begegnet ihr ja sogar Philemon, den ihr irgendeinem Sklavenhändler wieder abkaufen müsst.«
Hegesias schnaubte verächtlich. »Noch vor einem Monat hätte ich das für einen geschmacklosen Scherz gehalten. Doch es scheint ja alles möglich zu sein. Gut, wir werden das Geld annehmen. Doch sollten wir uns eines Tages wiedersehen, möchte ich dir jede Kistophore zurückzahlen.«
»Ach, Unsinn«, lachte Krates. »Was soll ich denn damit? Du weißt, dass ich alles habe, was ich zum Leben brauche. Nehmt das Geld und genießt euer Leben.«
Der folgende Abschied wurde dennoch lang und quälend. Omikron weinte und klammerte sich immer wieder an Krates’ Hüfte. Nur gut, dachte er sich, dass er noch Leandros hat. Sie nahmen sich gegenseitig in die Arme und wünschten sich Glück und Gesundheit. Krates gab ihnen seine herzlichsten Grüße an Timarchos und Alexandros mit und geleitete sie zur Haustür. Dann winkte er ein letztes Mal und schaute ihnen nach, bis sie mit ihren Pferden am Ende der Telephosgasse verschwanden.
Benommen schloss er die Haustür und schlenderte in den Hof zurück. Hippias lehnte lethargisch an der Küchenmauer und Krates setzte sich ihm gegenüber. Eine ganze Weile saßen sie so da und schwiegen sich an, jeder in Gedanken und Erinnerungen versunken, bis sich Krates schließlich aufrichtete. Sie trugen das Geschirr in die Küche und verstauten die Frühstücksreste in der Vorratskammer.
»Könntest du dir übrigens vorstellen, hier den Hausmann zu spielen? Oder soll ich uns lieber eine Magd holen?«
»Bei Hestia, nein!« lachte Hippias. »Noch vor zwei Wochen hätte ich das liebend gerne für dich getan. Doch seitdem du mich davon überzeugt hast, dass ich ein freier Mann bin, möchte ich lieber als Ingenieur arbeiten.«
»Das kann ich verstehen«, nickte Krates. »Und ich würde es nicht anders machen. Bleibt nur zu hoffen, dass dich Plautos auch gebrauchen kann.«
»Ich werde ihn heute auf der Baustelle besuchen. Er hat mir den Weg beschrieben und ich denke, ich werde mich gleich aufmachen.«
»Richte ihm meine Grüße aus. Und bring ihm vor allem seinen Mantel mit, den er gestern Abend bei uns hat liegen lassen.«
»Mach ich«, sagte Hippias und eilte in sein Zimmer.
Als Hippias schon gegangen war, ging Krates noch einmal in den Hauptraum, um sich zu vergewissern, dass Hippias den Mantel auch wirklich mitgenommen hatte. Doch er schien es vergessen zu haben. Krates beschloss, den Mantel selbst zurückzubringen und anschließend in die Unterstadt zu reiten, um Philopatros einen Spontanbesuch im Asklepieion abzustatten.
Den Mantel unterm Arm und Pluto am Zügel klopfte er an der schweren Pforte des Nachbarhauses und wurde von einer hübschen jungen Frau begrüßt, die ihm die Tür öffnete. Ihr blondes Haar fiel ihr über die rechte Schulter und der enganliegende Stoff ihres Kleides betonte ihre Brüste und die schlanke Taille. Krates fühlte sich wie verzaubert. Unfähig irgendetwas zu sagen, hielt er ihr nur den Mantel entgegen.
»Ach, Vaters Mantel«, lachte die junge Frau. »Dann musst du Krates sein. Tritt ein, meine Mutter wird sich freuen, dich kennenzulernen.«
Krates führte Pluto am Zügel und band ihn an eine der Vorhallensäulen hinter der Haustür. Der Hof seines Nachbarn war wesentlich größer als sein eigener. Ringsum wurde er von Hallen umspannt, hinter denen sich weitere Räume befanden. Eine stolze Frau gereiften Alters kam in den Hof und lächelte, als sie den Mantel ihres Mannes sah. Krates musterte sie schüchtern und konnte ihr ansehen, dass sie einst genauso hübsch gewesen sein musste wie ihre Tochter. Die jugendliche Schönheit war zwar den Falten des Alters gewichen, doch der natürliche Stolz in ihrem Ausdruck, ihr aufrechter Gang und die wachen Augen machten sie noch immer zu einer attraktiven Frau.
»Du bist also der Philosoph Krates«, begrüßte sie ihn mit einer angedeuteten Verbeugung. »Mein Name ist Arete und dies ist meine Tochter Stratonike. Plautos hat mir heute Morgen von eurem gemeinsamen Abend erzählt und er war sehr angetan. Aber vielleicht möchtest du dich setzen und etwas trinken?«
Krates lehnte dankend ab. Er wollte nur den Mantel vorbeibringen und sich dann wieder auf den Weg machen.
»Ach ja«, lachte Arete, »wenn mein lieber Mann nicht so vergesslich wäre, hätte er die Wasserleitung vermutlich längst fertig gestellt. Aber ich danke dir und werde ihn von dir grüßen.«
Stratonike brachte Krates wieder zur Tür und schenkte ihm ein bezauberndes Lächeln, das ihn noch lange beschäftigte.
Die kleinen Gassen der Philetaireia waren in der Mittagshitze wie ausgestorben. Die Sonne schien direkt über der Stadt zu ruhen und verhinderte jegliche Schlagschatten. Um die Engpässe der Hauptstraße im Bereich der großen Gymnasionbaustelle zu umgehen, versuchte sich Krates durch die Nebengässchen zu schlagen und fand tatsächlich eine Strecke, die zwar einen kleinen Umweg bedeutete, letztlich aber schneller war als der Weg über die Hauptstraße. Als er die Karawanserei passierte und einen verstohlenen Seitenblick riskierte, stellte er erleichtert fest, dass der Handelszug, mit dem Leandros und seine Gefährten nach Ankyra ziehen wollten, die Stadt bereits verlassen hatte.
Die Hitze war jetzt unerträglich geworden, zumal auch der Wind, der in den letzten Tagen immer wieder für wohltuende Kühlung gesorgt hatte, endgültig eingeschlafen war. Die Luft über den Straßen flimmerte und die Wachmänner am Eumenischen Stadttor dösten im Schatten der Eingänge vor sich hin. Krates nickte ihnen kurz zu und passierte das Tor.
Als er in die Ebene ritt, spürte er Plutos Erregung und ließ ihn galoppieren. Die gepflasterte Straße zum Asklepieion war nahezu menschenleer, was Krates auf die unbarmherzige Hitze zurückführte. Pluto galoppierte, bis ihm der Schweiß von den Flanken troff und fiel bald darauf in einen gleichmäßigen Trab, der sie sicher bis zu den Toren des Asklepieions brachte. Krates war von der Schönheit seiner Nachbarstochter noch immer ganz verzaubert. Und wie sie ihn angelächelt hatte. Bei Aphrodite, er konnte sie einfach nicht vergessen.
Nach einer halben Stunde gelangte er an die Wegegabelung, an der er sich vor ein paar Tagen noch mit dem jungen Orpheus unterhalten hatte. Er folgte der Heiligen Straße zum Asklepieion und erreichte schließlich das kleine Säulentor, das den ins Heiligtum führenden Weg überspannte. Er folgte dem schmalen Gang hinter dem Torbau und gelangte auf einen großen Vorplatz, der aus ebener Erde bestand und nur von einigen Bäumen bewachsen war. Während er Pluto an eine der Pinien band, ließ er die Atmosphäre dieses Ortes langsam auf sich wirken. Vor ihm lag eine lange Säulenhalle, hinter der sich eine Reihe von Räumen anschloss. Auf der Höhe des Weges, der ins Heiligtum führte, wurde der Vorplatz von einer übermannsgroßen Mauer geteilt und in der Mitte des Vorplatzes stand ein ummauertes Becken, in dem sich ganz offensichtlich eine heilige Quelle befand. Nördlich der Quelle und halb von Bäumen versteckt sah er einen kleinen Tempel mit einem vorgelagerten Altar, um den sich unzählige Votivsäulen und Weihgeschenke befanden. Vermutlich war dies der Tempel des Heilgottes Asklepios, doch das würde ihm Philopatros besser sagen können. Das einzige, was Krates irritierte, war die Stille, die durch kein Gespräch und kein Geräusch gestört wurde, obwohl er doch annähernd drei Dutzend Leute sah, die über den Vorplatz schlenderten oder das Wasser der heiligen Quelle tranken. Er winkte einen dieser Männer zu sich und erkundigte sich nach dem Arzt Philopatros. Der Mann zeigte auf die hinter ihm liegende Säulenhalle und meinte, Philopatros habe seinen Raum ganz links in der Ecke. Krates bedankte sich und begab sich vor die beschriebene Tür. Auf sein energisches Klopfen folgte die wohl vertraute Stimme seines Freundes und als Krates die Tür öffnete, begrüßte ihn Philopatros mit einem breiten Lächeln.
»Krates, mein Lieber! Das ist aber schön, dass du mal reinschaust. Darf ich dich ein bisschen rumführen oder musst du gleich weiter?«
»Nein, ich habe Zeit.«
Philopatros führte seinen Gast in den Nachbarraum und zeigte ihm die wissenschaftliche Bibliothek, die zwar noch ein wenig provisorisch aussah, Krates aber doch sichtlich beeindruckte.
»Und wer schreibt das alles auf?«
»Unsere Ärzte«, erläuterte Philopatros. »Was übrigens auch immer wieder zu Verstimmungen führt. Einerseits, weil sie nicht einsehen, dass es ihre Aufgabe sei, die bereits gewonnenen Erkenntnisse aufzuschreiben. Zum Zweiten, weil einige Kollegen ihre Erkenntnisse nicht jederman preisgeben wollen und zum Dritten schließlich, weil die meisten eine so unleserliche Handschrift haben, dass sie kaum einer lesen kann.«
Sie verließen die Bibliothek und gingen auf den Vorplatz mit dem kleinen Tempel, den Krates bereits gesehen hatte.
»Das ist der Tempel des Asklepios«, fuhr Philopatros fort. »Ohne seine göttlichen Kräfte wären wir hier aufgeschmissen. Denn ob einer leben oder sterben möchte, hängt weniger von unserem Können ab als von der Kraft des Patienten, den Heilungsprozess aktiv zu beeinflussen. Und einem Gott scheint man leichter vertrauen zu können als uns.«
»Offenbar«, nickte Krates und betrachtete nachdenklich die vielen Weihinschriften dankbarer Patienten. »Was hälst du eigentlich von der alten Kunst des Pneuma?«
»Ein interessantes Phänomen«, urteilte Philopatros fachmännisch. »Die meisten Naturheiler sind Scharlatane und ihr vermeintliches Pneuma nichts als geschwätzige Quacksalberei. Aber es gibt durchaus noch Heiler, die mit dieser Tradition weitaus größere Heilerfolge verzeichnen können, als wir es je zustande gebracht haben.«
Krates war erstaunt. »Das hört sich ja sehr selbstkritisch an. Ich hätte nicht gedacht, dass du dieser Heilkunst so offen gegenüberstehst.«
»Das tue ich eigentlich auch nicht. Weißt du, wir bemühen uns hier eine Heilkunst zu entwickeln, die jedem hilft, die sich begründen und deshalb auch verantworten lässt. Nenn’ mir nur einen Pneumaheiler, der den von ihm angeblich initiierten Heilungsprozess logisch erklären kann; du wirst ihn nicht finden. Wie aber, frage ich dich, wollen diese Leute ihre Behandlungen verantworten können, wenn sie noch nicht einmal in der Lage sind die Wirkung ihrer Behandlungen vorherzusagen, geschweigedenn logisch zu begründen?«
»Ist das denn so wichtig? Ich meine, wenn es hier um Garantien ginge, dann vielleicht. Aber die könnt doch auch ihr euren Patienten nicht geben, oder?«
»Nein, natürlich nicht. Aber wir bemühen uns wenigstens ein logisches System zu finden, innerhalb dessen solche Garantien eines Tages möglich sind. Aber sag’, warum interessierst du dich dafür?«
Krates schmunzelte. »Ganz einfach: Weil ich auf meiner Reise nach Pergamon erkrankt bin und von einem Pneumakundigen erfolgreich geheilt wurde. Außerdem hat er mir ein wenig darüber beigebracht und es scheint mir zu liegen.«
Philopatros warf ihm einen skeptischen Blick zu. »Meine Güte, Krates, bist du jetzt unter die Naturheiler gegangen?«
»Beim Zeus, nein!« protestierte Krates lachend. »Aber ich finde diese Materie sehr spannend, zumal sie ganz ähnlich wie die stoische Erkenntnislehre die Erfahrung als gültigen Parameter zu akzeptieren scheint.«
Philopatros räusperte sich energisch. »Wir sehen das hier eher aus der akademischen Perspektive …«
»… in der man der Erfahrung eher geringe bis gar keine Bedeutung zuschreibt?«
»Du sagst es. Aber lass mich dir doch lieber erst erklären, wie wir hier arbeiten.«
»In Ordnung«, nickte Krates und folgte seinem Freund zu einem großen Badebassin.
»Da drüben siehst du die Nordstoa mit dem vorgelagerten Hof. Im Moment haben wir nur sehr wenige Patienten, doch im Herbst und im Frühling sind es manchmal so viele, dass wir sie unmöglich alle hier unterbringen können. Deshalb hat Eumenes diese Halle bauen lassen, damit sie dort lagern können, bei starker Sonneneinstrahlung etwas Schatten finden und bei Regen ein Dach über dem Kopf haben.«
»Und hier kann man also baden?«
»Ja, das Baden ist mitunter fester Bestandteil unserer Therapien. Unsere Patienten müssen schlafen, essen und ihre Pharmaka zu sich nehmen, das heilige Quellwasser trinken und baden. In einigen Fällen verschreiben wir auch Thermalbäder. Aber dann müssen wir unsere Patienten nach Allianoi schicken.«
»Allianoi?« fragte Krates, der von diesem Ort noch nie gehört hatte.
»Ein kleines Kurbad«, erklärte Philopatros, »einen halben Tagesritt östlich von Pergamon. Kulturell ist da drüben nichts los, aber die dortigen Köche verstehen ihr Handwerk.«
»Apropos Köche: Ich bekomme allmählich Hunger. Kann man hier irgendwo etwas essen?«
»Wenn du möchtest, können wir zu mir gehen. Ich wohne mit meinem Vater zusammen dort oben in dem großen Haus. Gegen Mittag ist er meistens zuhause, um etwas zu essen.«
»Gute Idee«, willigte Krates ein und freute sich darauf, den alten Stratios kennenzulernen, der das Asklepieion leitete und von dem ihm Philopatros schon in Tarsos so viel berichtet hatte. Außerdem war es ihm ein Bedürfnis, sich auch persönlich noch einmal bei ihm zu bedanken. Schließlich hatte sich Stratios mehr als einmal für ihn stark gemacht.
Sie schritten den Hügel hinauf und betraten ein großzügig geschnittenes Haus mit einem quadratischen Hof, der ringsum von Hallen umgeben war.
»Grüß dich Vater«, sagte Philopatros. »Ich bringe einen Gast mit, der von weit her gekommen ist, um unser Asklepieion zu bewundern.«
Stratios stand auf und musterte Krates mit wachem Interesse.
»Mein Name ist Krates von Mallos«, begrüßte er den alten Mann und reichte ihm die Hand.
»Krates«, wiederholte der Arzt und erwiderte den Handschlag mit einem kräftigen Händedruck. »Ja, ich erinnere mich. Du hast mit meinem Sohn in Tarsos studiert.«
»So ist es. Wir hatten eine schöne Zeit.«
»Dann hat das also geklappt. Sei willkommen in meinem Haus.«
Krates verneigte sich höflich und nahm Platz.
»Hast du dich in der Zwischenzeit gut eingelebt?« erkundigte sich Philopatros. Krates erzählte ihm von seiner Begegnung mit dem König und dem Pferdehandel, dem Haus in der Philetaireia und der nagelneuen Einrichtung. Derweil brachte die Haushälterin das Essen und Krates aß mit gesundem Appetit. Nachdem sich Stratios erhoben und von ihnen verabschiedet hatte, lehnte sich Philopatros zurück und bedachte Krates mit wohlwollenden Blicken.
Krates erwiderte den Blick und musste plötzlich schmunzeln. »Ich habe übrigens heute ein nettes Mädchen kennengelernt. Sie ist die Tochter meines Nachbarn Plautos, heißt Stratonike und sieht einfach hinreißend aus.«
Philopatros starrte ihn ungläubig an. »Du hast Stratonike kennengelernt? Wann? Wie? Wo?«
Krates war überrascht. »Kennst du sie etwa?«
Philopatros lachte aus vollem Halse. »Natürlich kenne ich Stratonike! Halb Pergamon ist hinter ihr her. Jetzt sag schon: Hat sie dich amgelächelt? Dir einen Kuss gegeben? Oder was ist passiert?«
»Sie hat mich angelächelt«, sagte Krates und merkte, wie er rot wurde. »Nichts weiter, aber dieses Lächeln war so zauberhaft, dass ich es nicht vergessen kann.«
Philopatros begann wieder zu lachen und schlug sich vor Vergnügen auf die Oberschenkel. »Willkommen unter den Verehrern der Stratonike! Was glaubst du, wie vielen Männern dieses Miststück schon den Kopf verdreht hat? Und sie ist genauso unnahbar wie der Nordstern. Sie strahlt dich an, hell und klar, aber wenn du nach ihr greifen willst, ist da nichts als Luft. Also vergiss es!«
Nachdem sie wieder ins Asklepieion zurückgekehrt waren, bedankte sich Krates für die Gastfreundschaft und machte sich auf den Heimweg. Als er das Eumenische Tor passiert hatte und über die Hauptstraße in die Philetaireia ritt, sah er die Arbeiter, die ihr Tageswerk auf den Baustellen beendet hatten und sich nun auf den Heimweg machten: hunderte von stämmigen Männern, müde und abgekämpft von der harten Arbeit in der sengenden Hitze. Krates folgte dem langen Verlauf der Hauptstraße zum oberen Markt und gelangte schließlich über die Telephosgasse zu seinem Haus. Als er die Haustür aufschloss, wurde ihm klar, dass er Hippias noch gar keinen Schlüssel gegeben hatte und hoffte, dass er in der Zwischenzeit nicht schon hiergewesen sei und vor verschlossenen Türen gestanden habe. Er stellte Pluto in den Stall und gab ihm genügend Heu für die Nacht. Dann sah er den Pferdekot im Stall und dachte an die Haushaltshilfe, um die er sich kümmern wollte. Er holte sich aus der Küche ein Stück Brot, nahm seinen Schlüssel und machte sich auf den Weg zu Plautos. Als er an seine Tür klopfte, öffnete ihm wieder Stratonike und ihr strahlendes Lächeln ließ ihm abermals das Blut in den Kopf schießen.
»Ich würde gerne mit deinem Vater sprechen.«
»Dann komm rein. Dein Freund Hippias ist auch da.«
»Sehr gut«, lachte Krates, »dann schlage ich ja gleich zwei Fliegen mit einer Klappe.«
Sie führte ihn in einen der Nebenräume, in dem sich Plautos und Hippias angeregt bei einer Schale Wein unterhielten. Als sie ihn sahen, blickten sie freudig auf.
»Herzlich willkommen«, begrüßte ihn Plautos. »Leg dich zu uns. Möchtest du einen Schluck Wein haben?«
»Nein, danke. Ich wollte dich eigentlich nur fragen, ob du mir vielleicht eine zuverlässige und ehrliche Haushälterin empfehlen kannst.«
»Warum kaufst du dir keine Sklavin?«
»Weil ich eine Abneigung dagegen habe, einen Menschen zu besitzen wie ein Möbelstück. Außerdem gibt es sicherlich genügend junge Frauen, die ehrlich genug sind und sich freuen, mir gegen ein anständiges Gehalt den Haushalt zu führen.«
»Nun, Krates, du scheinst mir ein ehrlicher Mann zu sein. Ich weiß nicht, ob sie dazu Lust hat, aber ich hätte nichts dagegen, dir meine Tochter Stratonike zu empfehlen. Sie muss es ja sowieso irgendwann lernen. Vorausgesetzt natürlich, dass sie damit einverstanden ist und dass du ihr nicht nachstellst und sie anständig bezahlst.«
»Das würde mich freuen«, antwortete Krates. »Ich wäre bereit, ihr drei Kistophoren die Woche zu bezahlen. Wenn sie damit einverstanden ist, soll sie einfach zu uns rüberkommen. Und ich garantiere dir, dass ich sie jeder Belästigung fernhalten werde. Meiner eigenen inbegriffen.«
»Na«, lachte Plautos, »dann solltest du dich wirklich zu uns legen, Krates. Denn wie ich meine Tochter kenne, wird sie sich über eine so gut bezahlte Arbeit nur freuen, nicht wahr, mein Schatz?«
»Ja sicher«, lächelte Stratonike. »Warum nicht? Wann soll ich denn anfangen?«
»Wie wäre es mit morgen früh?«
»Von mir aus gerne.«
Krates hatte nicht damit gerechnet das Problem seiner Haushaltshilfe so schnell lösen zu können und freute sich um so mehr. Bereitwillig ließ er sich auf einer der weich gepolsterten Liegen nieder und nahm dankend den Wein an, den ihm Stratonike mit ihrem betörenden Lächeln reichte.
»Vor dir, Krates, liegt einer der neuen Ingenieursgehilfen des Königs. Ich hoffe, dass der Mann so gut ist, wie ich glaube. Denn dann können wir ihn eines nicht allzufernen Tages in den Stand des Ingenieurs heben.«
»Das heißt, du hast Hippias eingestellt?« freute sich Krates.
»Aber natürlich. Der Junge hat gute Ideen und einen scharfen Verstand. Außerdem hat er das Problem unserer Wasserleitung sofort erkannt.«
»Na, dann herzlichen Glückwunsch!«
»Danke«, strahlte Hippias stolz und hob ebenfalls seine Weinschale.
»Und wann fängst du an?«
»Gleich morgen. Plautos wird mich abholen.«
»So ist es«, nickte Plautos zufrieden und schenkte sich und seinen Gästen Wein nach. Dann lud er sie ein den Abend in seinem Hause zu verbringen. Nach dem Abendessen drängte Krates zum Aufbruch, weil sie morgen alle früh aufstehen mussten.
Zuhause angekommen übergab er Hippias seinen Zweitschlüssel und wünschte ihm eine gute Nacht. Beherzt eilte er die Stufen ins Obergeschoss hinauf und war glücklich, als er die Tür zu seinem Zimmer schließen konnte und endlich allein war. Der Tag hatte ihn müde gemacht und auch, wenn es noch früh in der Nacht war, tat ihm ein langer Schlaf sicherlich gut. Er dachte an Stratonike und sein Versprechen, das er Plautos gegeben hatte. Konnte er sein Entzücken für die junge Frau überhaupt verbergen?